Statement des Künstlers Knut Kargel
In den Jahren 2005 und 2006 habe ich versucht, mir mit unterschiedlichen Methoden und Medien ein Bild von der realen Situation zu machen.
Die Eindrücke, die ich bei diesen Aktionen erhielt, will ich hier kurz zusammenfassen.
Die Regierung
Am Anfang stand eine personalisierte Massen-E-Mail an alle Mitglieder des Deutschen Bundestages. Im Koalitionsvertag der großen Koalition wurde die Tür für Gentechnik in der Nahrungsmittelproduktion weit geöffnet, was zumindest im krassen Widerspruch zumindest zu den Aussagen der SPD vor der Wahl stand.
In den Antworten wurde von der CDU auf die Freiheit der Landwirte und auf die Chancen der Gentechnik verwiesen. Von der SPD größtenteils ausweichende und beschwichtigende Antworten gekommen. Ein Abgeordneter der SPD, Herr Binder, hat mich an einem Sonntagabend gegen 21 Uhr angerufen, um sich erstens zu vergewissern, dass er nicht der einzige Empfänger der Mail gewesen ist, und mich in eine Diskussion zu verwickeln, mit dem Ziel meine Aktion als ungerechtfertigten Angriff zu werten.
Einzig von den Grünen kamen zustimmende Aussagen, allerdings wurde auf die Machtlosigkeit der Opposition verwiesen, sowie auf übergeordnete Zwänge (EU).
Ähnliche Ergebnisse brachte eine Anfrage an das EU-Parlament.
Mein Eindruck ist, dass zum einen die Regierung hoffnungslos von der Industrie bzw. dem Kapital unterwandert ist, bzw. erpressbar ist, und zum anderen die Parteien, bis hin zu den Grünen, die Machbarkeit höher schätzen als die Notwendigkeit.
Dem Bürger bietet die Regierung das Instrument der Petition um gegen ungerechtfertigte Willkür der Regierung vorzugehen. Im Februar 2006 habe ich eine entsprechende Petition gestellt, die seither unbeantwortet auf dem Verwaltungsweg dahin dümpelt (Stand 24.05.2007). So entsteht der Eindruck, dass die Möglichkeit der Petition im Grunde dazu dient, die wertvolle Zeit unbequemer Zeitgenossen zu binden und das Gefühl zu vermitteln, zwar sagen zu dürfen, was man will, aber ansonsten vor eine Wand zu laufen.
Firmen, Konzerne, Industrie
Anfragen bei Firmen haben den Eindruck verstärkt, dass deren Interesse ausschliesslich im profitablen Verkauf liegt. Die Interessen der Verbraucher werden zwar zur Kenntnis genommen, aber nur, um die Werbemaßnahmen und das Marketing optimal daran anpassen zu können.
Am weitesten hat sich Rotkäppchen Camembert aus dem Fenster gelehnt. Nachdem ich auf die ausweichenden und irreführenden Antworten verärgert reagiert habe, wurde eine Einladung in die Altenburger Käserei ausgesprochen. Durch diese "freundliche Geste" hoffte man, mich zu beschwichtigen. Auf die folgende E-Mail und Postkartenaktion reagierte man ausgesprochen ungehalten und am Ende wurde die Einladung auf niemals vertagt.
Eine andere Ebene waren Kontakte zu RWE, die in meiner unmittelbaren Nähe ein Kohlekraftwerk bauen will. RWE hat mich zu einer Kraftwerksbesichtigung eingeladen, die professionell war und keine Kritik erlaubt. Die Kontroverse allerdings blieb bestehen: Keine konkrete Aussage gegen die Biovergasung von GVO und keine Abkehr vom Neubau von klimaschädlichen Kohlekraftwerken.
Man kann das verurteilen, aber aus Sicht der Firmen, die Millionen und Milliarden damit verdienen, ist diese Handlungsweise seitens der Regierung erlaubt, also legal, und seitens der Verbraucher nachgefragt, also lukrativ. Das System "Firma" funktioniert nun mal so, und in so fern kann man es den Firmen nicht verübeln.
Stattdessen müsste man das System "Firma" anzweifeln und die Verbraucher in die Pflicht nehmen.
Die Verbraucher
Gemäß einer Umfrage von Greenpeace sind über 85% der Verbraucher gegen Gentechnik in Lebensmitteln. Merkwürdig ist nur, dass diese 85% (oder zumindest eine Teilmenge von 70%) die Billigware in den Discountern und Supermärkten kaufen, während nur ein kleiner Teil in den Bioläden umgesetzt wird. Klar, artgerecht erzeugtes Biofleisch ist teuer, aber wo sind die Maulhelden, die angeben, Gentechnik abzulehnen und sie trotzdem tonnenweise in sich hinein stopfen?
Mittlerweile ist 2007 und der Klimawandel ist in aller Munde. Alle sind angeblich dagegen, bereit etwas zu tun, und alle kaufen ihren Strom bei RWE & Co. weil es 1 Cent/Kuh billiger ist als grüner Strom.
Und diejenigen, die ein relativ unüberlegtes Wirtschaftswachstum in Gang gesetzt haben, das sie sich nicht einmal schämen, als Wirtschaftswunder zu bezeichnen, sind heute Rentner und versüssen sich nach getaner Arbeit den verdienten Lebensabend mit viermaligen Flugreisen im Jahr. Damit es die Enkel schön warm haben...
International
... sieht es noch viel übler aus. Die Verhältnisse in Deutschland sind in globalem Maßstab vorbildlich.
Die UN gibt in ihrem Klimabericht noch gut 10 Jahre zum Handeln. So wie schon 1972 der Club Of Rome eindringlich zum Handeln aufforderte. Damals wurde das Wort "Waldsterben" in den Duden aufgenommen und nichts weiter. Heute wird das Wort "Klimawandel" in den Duden aufgenommen, und gut ist's.
Es ist Geld für Kriege, Korruption und absurdeste Projekte vorhanden. Krieg und Korruption haben auch höchste Priorität.
Was soll man dem noch hinzufügen?
Vielleicht die Tatsache, dass das übelste Szenario in dem gerade aktuellen Klimabericht der UN nach einer aktuellen internationalen Studie schon heute in den Schatten gestellt wird. (Ein Beitrag vom WDR5, Wissenschaftsmagazin Leonardo Mp3-Datei, 2,2 MB)
NGOs - Greenpeace
Ich bin selbst Mitglied bei Greenpeace, weil ich denke, dass diese Organisation ihren Wert und ihre Wichtigkeit besitzt. Aber eben auch in den engen Grenzen agiert, die von der Rechts-Staatlichkeit vorgegeben sind. Und diese Grenzen sind bewußt so gefasst, dass wirkliches Einwirken unmöglich ist; Wenn Demonstrationen etwas bewirken würden, wären sie verboten, bzw. wenn sie auch nur unangenehm sind, werden sie unterbunden, die Organisatoren zu Terroristen erklärt und die Teilnehmer in Vorbeugehaft genommen, wie es schon im Vorfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm 2007 praktiziert wird.
Eines der Gründungsmitglieder von Greenpeace, Paul Watson, hat sich deshalb von Greenpeace "selbstständig" gemacht und die Organisation "Sea Shepherd" gegründet. Mit seinem schwarzen Piratenschiff geht er etwas aggressiver vor, beschiesst z.B. die Beute der Walfänger mit selbst entwickelten Buttersäurekanonen, die die Killer-Ware unbrauchbar macht. Unter dem Link "Featured Supporter" findet man eine Widmung des Dalai Lama.
Fazit
Eine interessante Erfahrung, Infos aus erster Hand, und die Erkenntnis, dass weder die Politik noch die Verbraucher zu mehr bereit sind, als zu reagieren, und das widerwillig, zu spät und halbherzig.
Nicht, dass ich etwas anderes erwartet hätte, aber ich wollte die Unglaublichkeit nicht glauben und es doch einmal genau wissen.
Die einen wollen Kohle machen, egal wie. Und die anderen wollen Billig-Kacke, egal wie.
OK, ich male lieber weiter Bilder, ohne dass ich meine Energie in sinnlose Dispute investiere.
Der RSS-Feed wird nicht weiter aktualisiert, lediglich der Kunst-Bereich wird weiter gepflegt. Andere Themen sind mittlerweile in einem RSS-Feed von Greenpeace abrufbar.
Die Aktionen laufen weiter, es können also weiterhin Protestmails an Rotkäppchen, RWE etc. versendet werden.
Dank an alle, die sich an den Aktionen beteiligt haben und die mir mit Mails wertvollen Zuspruch gespendet haben.
PS: Ich glaube zwar nicht, dass die Menschheit die nächsten 100 Jahre erleben wird, das heisst aber nicht, dass ich deshalb Gentechnik, Pestizide und Gammelfleisch essen würde, oder andere Energie als regenerative akzeptieren würde. Das heisst auch nicht, dass ich deswegen Auto fahre oder fliege etc.
Im Gegenteil, bei allem Pessimismus ist es ein erhebendes Gefühl nicht in den selben Eimer zu pissen. (Sorry)
